Spiegelkind

Sie starrt mich an.

Große grüne Augen.

Tränenertränkter Blick.

Trauriges Gesicht.

„Was ist mit dir?“

Sie schweigt.

„Bist du verletzt?“

Sie schweigt.

„Bist du traurig?“

Sie schweigt.

Ich werde ungeduldig.

„Antworte mir!“

Wütend verzieht sie das Gesicht.

Ich starre zurück.

Betrachte ihre blasse Haut.

Ihre roten Lippen.

Ihre schwarzen Haare.

Ich finde sie hübsch.

Ich sehe an ihr herab.

Fehler.

Ich sehe vernarbte Arme.

Einen dicken Bauch.

Fette Oberschenkel.

Unförmiger Körper.

Ich finde sie hässlich.

Sie widert mich an.

So fett. So fett.

Unsere Blicke treffen sich.

Sie weiß was ich denke.

Sie schämt sich.

Sie tut mir leid.

„Kann ich dir helfen?“

Sie schweigt.

„Geht es dir gut?“

Sie schweigt.

Ich werde wütend.

Warum antwortet sie nicht?

„Starr mich nicht so an!“

Sie schweigt.

„Ich hasse dich!“

„Ich hasse dich!“

Sie schweigt.

„Du blöde Kuh!“

Sie schweigt.

„Verdammt noch mal!“

Ich hole aus.

Schlage zu.

Ein klirrendes Geräusch.

Tausend Scherben.

Ich stehe mitten unter ihnen.

Ich schaue an mir herab.

Mein Gesicht schimmert in den Scherben.

Doch wo ist sie?

„Wo bist du?“

Ich weine.

„Wo bist du?“

Ich sammle die Scherben ein.

„Komm zurück!“

„Komm zurück!“

Ich zittere.

Was habe ich getan?

Ich schluchze.

Ich werfe mich zu Boden.

Streichle die Scherben.

Berühre sie sanft.

Versuche sie zusammenzusetzen.

Vergeblich.

Alles was ich sehe ist mein tränenertränkter Blick.

Meine grünen Augen.

Und mein trauriges Gesicht.

2.11.09 14:58

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